Big Five – Das Standardmodell der Persönlichkeitstests

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Big Five Persönlichkeitstest

Nachdem ich Ihnen im Artikel Persönlichkeitstests - Sinnvolle Hilfe oder Humbug? die theoretischen Grundlagen von Persönlichkeitsprofilen näher gebracht habe, möchte ich Ihnen nun einige Modelle, die bei Personalauswahlverfahren und Karriereplanung häufig benutzt werden, genauer vorstellen.

Den Anfang macht das "Big-Five-Modell", welches als das Referenzmodell der Persönlichkeitspsychologie gilt und Basis vieler anderer Persönlichkeitstests ist.

Beim Big Five bzw. dem Fünf-Faktoren-Modell (FFM) handelt es sich um ein Modell, dass bereits in den 1930er Jahren von Louis Thurstone und Gordon Allport entwickelt und seitdem stetig verbessert und modifiziert wurde.

Die fünf Hauptdimensionen einer Persönlichkeit

Dieser Persönlichkeitstest beruht auf der Grundannahme, dass die meisten menschlichen Eigenschaften mittels fünf Persönlichkeitsdimensionen beschrieben werden können, unabhängig von der jeweiligen Sprache oder Kultur.

Diese fünf Hauptdimensionen sind:

  • Neurotizismus
  • Extraversion
  • Offenheit für Erfahrungen
  • Verträglichkeit
  • Gewissenhaftigkeit

Man unterscheidet zwischen niedrigen und hohen Ausprägungen dieser Faktoren. Sie beschreiben unser Verhalten in nahezu allen Lebensbereichen und die Ausprägung die wir darin haben, ist größtenteils genetisch veranlagt, also angeboren.

In Wissenschaft und Forschung gelten die Big Five als eines der besten Modelle zur Erfassung der menschlichen Persönlichkeit. Es basiert auf statistischen Zusammenfassungen der Beschreibungen von Personen anhand von Eigenschaftswörtern. Den einzelnen Faktoren werden, je nach Ausprägung, verschiedene Persönlichkeitsmerkmale und zu erwartende Verhaltensweisen zugeordnet:

1. Neurotizismus – Empfindlichkeit gegenüber negativen Einflüssen, Emotionen und Gedanken

Beim ersten Faktor geht es also um die emotionale Stabilität. Empfindliche Menschen reagieren schneller und stärker auf Stress, Probleme, Gefahren und negative Gefühle.

Emotional stabile Menschen dagegen haben, symbolisch gesagt, eine „dicke Haut“ und werden von negativen Einflüssen daher weit weniger beeinflusst und sind widerstandsfähiger.

  • Niedrige Ausprägung bei Neurotizismus → Resistenz
    Bedeutet: Einen hohen Widerstand gegen negative Einflüsse haben
    Eigenschaften: ausgeglichen, entspannt, sorgenfrei, ruhig
  • Hohe Ausprägung bei Neurotizismus → Empfindlichkeit
    Bedeutet: Sensible Reaktion auf negative Gefühle und Einflüsse, weniger adaptive Stressbewältigungsmechanismen
    Eigenschaften: ängstlich, aufgeregt, nervös, besorgt, reizbar, impulsiv

Die Grundlage dieses Faktors liegt in der Evolution: Für das Überleben des Menschen war es einerseits von Vorteil, vorsichtig und ängstlich zu sein, um potenziellen Gefahren auszuweichen, andererseits aber auch wichtig, unerschrocken zu handeln und im Angesicht der Gefahr ruhig zu bleiben.

Resistente Persönlichkeiten bleiben auch in gefährlichen Situationen eher ruhig und gelassen, wodurch sie Gefahren und Probleme aber auch unterschätzen können.

Frauen haben, ganz klischeehaft, beim Faktor Neurotizismus im Durchschnitt eine deutlich höhere Ausprägung als Männer.

2. Extraversion – Die aktive Suche nach Aufregung, Aktivität, Geselligkeit und sozialen Kontakten

Der Extraversion wird vom FFM der größte Einfluss auf unser alltägliches Verhalten zugeschrieben. 

  • Niedrige Ausprägung bei Extraversion → Introvertiertheit
    Bedeutet: Energie auf sich selbst richten und zurückhaltend sein
    Zugeschriebene Eigenschaften: zurückhaltend, ruhig, still, kontaktscheu, reserviert, weniger lebhaft wirkend, evtl. schüchtern. 
  • Hohe Ausprägung bei Extraversion → Extrovertiertheit
    Bedeutet: Energie nach außen richtend und kontaktfreudig sein
    Eigenschaften: aktiv, herzlich, gesellig, eher heiter gestimmt und optimistisch, gesprächig, durchsetzungsfähig

In empirischen Studien wurde herausgefunden, dass extrovertierte Menschen deswegen aktiver und kontaktfreudiger sind, weil sie mehr das Bedürfnis nach Aufregung, aber auch Belohnungen und positiven Gefühlen haben.

Sie zeigen positive Gefühle deutlich und leben sie auch aus. Im Gegenzug dazu sind introvertierte Menschen auch deswegen zurückhaltender, da bei ihnen der Drang nach den durch Geselligkeit ausgelösten, positiven Gefühlen nicht so stark ausgeprägt ist. Introvertiertheit bedeutet also nicht automatisch Schüchternheit oder Unsicherheit.

3. Offenheit für Erfahrungen – Die Offenheit für Neues und die Beschäftigung mit geistigen Themen

Die Offenheit ist ein rätselhafter Faktor, da bis heute nicht eindeutig geklärt ist, ob sie auf intellektueller Neugier und Kreativität, auf der reinen Freude an geistiger Beschäftigung oder auf anderen Kriterien beruht.

  • Niedrige Ausprägung bei Offenheit → praktisches Denken
    Bedeutet: an Gewohntem und Bewährtem festhalten
    Eigenschaften:  bodenständig, sachlich, konventionell, traditionell, konservativ
  • Hohe Ausprägung bei Offenheit → theoretisches Denken
    Bedeutet: Interessiert an neuen Erfahrungen, Erlebnissen und Eindrücken
    Eigenschaften: vielfältig interessiert, unkonventionell, phantasievoll, neugierig, oft gebildet, einfallsreich, Hinterfragen bestehender Normen und Werte

4. Verträglichkeit – Rücksichtnahme auf Andere und das Erhalten positiver Beziehungen 

Die Verträglichkeit beschreibt den Umgang mit anderen Menschen. Eine hohe Verträglichkeit lässt auf kooperatives Verhalten und generelles Vertrauen in andere Menschen schließen, während Personen mit niedriger Verträglichkeit eher Negatives von Anderen erwarten, sich deshalb auch härter und unnachgiebiger verhalten und Konfrontationen nicht scheuen. 

  • Niedrige Ausprägung bei Verträglichkeit → Hartes Interagieren
    Bedeutet: Die eigenen Interessen werden vor die Anderer gestellt
    Eigenschaften: argwöhnisch, kritisch, unkooperativ, sarkastisch, wetteifernd, berechnend, kalt
  • Hohe Ausprägung bei Verträglichkeit → Kooperationsbereitschaft
    Bedeutet: Rücksichtnahme auf die Interessen Anderer 
    Eigenschaften: vertrauensvoll, wohlwollend, gutmütig, freundlich, hilfsbereit, tolerant, altruistisch

Menschen mit einer niedrigen Verträglichkeit sind also eher Einzelkämpfer als Teamplayer und können oder wollen sich oftmals nicht in Andere hineindenken. Eine hohe Verträglichkeit hingegen kann auch bedeuten, dass man zu harmoniebedürftig ist, Konflikten generell ausweicht und so eigene Ziele nicht erreicht.

5. Gewissenhaftigkeit – Zielstrebigkeit, Disziplin und Selbstkontrolle

Die Gewissenhaftigkeit beschreibt die Konsequenz und Selbstbeherrschung. Mit niedriger Gewissenhaftigkeit lässt man sich leichter ablenken und die Dinge einfach auf sich zu kommen. Ein hoher Grad an Gewissenhaftigkeit bedeutet meist auch beharrliches Festhalten an einmal gesteckten Zielen sowie strukturiertes Denken und Handeln.

  • Niedrige Ausprägung bei Gewissenhaftigkeit → spontanes Handeln
    Bedeutet: leichte Ablenkung durch aktuelle Bedürfnisse
    Eigenschaften: sprunghaft, unbeständig, locker, flexibel, unzuverlässig, unordentlich
  • Hohe Ausprägung bei Gewissenhaftigkeit → durchgeplantes Handeln
    Bedeutet: Organisiertes, zielstrebiges Vorgehen
    Eigenschaften: pflichtbewusst, leistungsorientiert, ordentlich, besonnen, diszipliniert

Der eigentlich ja positive Charakterzug der Korrektheit kann aber auch leicht ins pedantische, gar zwanghafte umschlagen. Im Gegenzug dazu kann sich ein sprunghaftes Wesen positiv auf schnelles Umdenken und Handeln auswirken.

Fazit und Kritik

Sie sehen, die meisten hier beschriebenen grundlegenden Wesenszüge sind ein zweischneidiges Schwert. So kann jede noch so positive Eigenschaft sich ins Negative wandeln. Jedes der beschriebenen Naturelle hat seine Licht- und Schattenseiten. Natürlich ist für technische und administrative Aufgaben ein hohes Maß an Gewissenhaftigkeit von Vorteil. Offenheit und Extraversion sind hier eher nebensächlich. Und für einen kreativen Job sind die Offenheit und Extraversion das A und O, ein bisschen weniger Ordnungsliebe und Besonnenheit sind da durchaus vertretbar.

Obwohl das Big-Five-Modell im Großen und Ganzen wohl unbestritten das am häufigsten angewendete Mittel zur Erstellung von Persönlichkeitsprofilen ist, gibt es auch ein paar Kritikpunkte, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte:

Der Hauptkritikpunkt liegt in der Frage, ob tatsächlich fünf Dimensionen für eine grundlegende  Beschreibung der Persönlichkeit ausreichen. So werden beispielsweise Risiko- und Kampfbereitschaft, Aufrichtigkeit und Bescheidenheit als weitere Dimensionen vorgeschlagen.

Des Weiteren wird bemängelt, dass zwischen den einzelnen Dimensionen und ihrer Ausprägung kein Zusammenhang hergestellt wird. Es wurde noch nicht ausreichend untersucht, ob denn z.B. ein ausgeprägter Neurotizismus zu den Faktoren Offenheit und Extraversion in Beziehung steht – sich also von dem einen auf den anderen Punkt schließen lässt.

Zudem erhalten Probanden in der Auswertung hin und wieder widersprüchlich erscheinende Aussagen. Dies ist wohl vor allem der Verallgemeinerung geschuldet, die aber ja notwendig ist.

Sind Sie neugierig geworden? Wollen Sie selbst einmal testen, ob Ihre Selbsteinschätzung mit dem Test übereinstimmt? Nur zu, trauen Sie sich!

Bei psychomeda.de finden Sie finden eine kostenlose Version des Big-Five-Persönlichkeitstests inklusive anschließender Auswertung. Sie können aber auch erst die nächste Testvariante kennen lernen: Die Reiss Profile.

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Veröffentlicht am 17.07.2014 und zuletzt aktualisiert am 17.02.2017

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