Persönlichkeitstests – Die Reiss-Profile

Persönlichkeitstests: -> Teil 3: Die Reiss Profile

Reiss Profil Tests - Die Guten ins Töpfchen...Im heutigen Teil der Serie über Persönlichkeitstests geht es um die Reiss-Profile.

Versprochen werden laut Homepage Persönlichkeitsprofile, die

„so individuell wie ein Fingerabdruck sind. Entsprechend differenziert sind […] die Aussagen zur individuellen Motivation, der Wertehaltung und dem prognostizierbaren Verhalten.“

Werden diese Versprechen gehalten? Dazu später mehr.

Entstehung und Funktionsweise der Reiss-Profile

Professor Dr. Steven Reiss, amerikanischer Motivations- und Persönlichkeitspsychologe, begann seine Forschung in den 1990er Jahren mit der Frage: „Was macht Menschen auf Dauer zufrieden und wirklich leistungsfähig?

Er bezog seine Forschungsarbeit auf keine bereits existierende theoretische Grundlage, sondern ging rein empirisch vor.

Die Lebensmotive

Er startete mit ca. 400 Begriffen, die im weitesten Sinne mit dem Thema Motivation zu tun hatten und reduzierte diese dann auf schlussendlich 16 von ihm sogenannte Lebensmotive. Diesen Lebensmotive sind innere Werte – also stabile Prägungen, die jeden Menschen antreiben.

Nach folgenden Lebensmotiven richten laut Reiss alle Menschen ihr Verhalten aus:

Macht

Gibt Auskunft darüber, ob jemandem das Führen/ Verantworten oder eher das Übernehmen von Dienstleistungen wichtig ist

Unabhängigkeit

Sagt aus, wie jemand seine Beziehungen in den Aspekten Autonomie oder Verbundenheit zu anderen Menschen gestaltet.

Neugier

Welche Bedeutung hat das Thema „Wissen“ für jemanden im Leben hat und wozu er Wissen erwerben möchte.

Anerkennung

Durch „wen“ oder durch „was“ baut jemand sein positives Selbstbild auf.

Ordnung

Wie viel Strukturiertheit oder Flexibilität benötigt jemand in seinem Leben benötigt.

Sparen/Sammeln

Kommt in seiner evolutionären Entsprechung aus dem „Anlegen von Vorräten“. Die Ausprägung zeigt an, wie viel es jemandem emotional bedeutet, Dinge zu besitzen.

Ehre

Ob jemand nach Prinzipientreue strebt oder eher zweckorientiert ist.

Idealismus

Der altruistischen Anteil der Moralität und gibt Auskunft darüber, wie viel Bedeutung Verantwortung in Bezug auf Fairness und soziale Gerechtigkeit hat.

Beziehungen

Die Bedeutung von sozialen Kontakten. Hierbei spielt die Quantität der Kontakte eine entscheidende Rolle

Familie

Welche Bedeutung hat das Thema Fürsorglichkeit für jemanden (bezogen auf die eigenen Kinder).

Status

Der Wunsch, entweder in einem elitären Sinne „erkennbar anders“ oder aber unauffällig und wie die anderen zu sein.

Rache/Kampf

Insbesondere der Aspekt des Vergleichens mit anderen. Dazu gehören auch die Themen Aggression und Vergeltung einerseits sowie Harmonie und Konfliktvermeidung andererseits.

Eros

Auskunft über die Bedeutung von Sinnlichkeit im Leben eines Menschen. Dazu gehören neben der Sexualität auch alle anderen Aspekte von Sinnlichkeit (z.B. Design, Kunst, Schönheit).

Essen

Fragt nach der Bedeutung, die Essen als Selbstzweck für jemanden hat, d.h. wie viel der Genuss an Essen zu der Lebenszufriedenheit beiträgt.

körperliche Aktivität

Die Wichtigkeit, die körperliche Aktivität (Arbeit oder Sport) für die Lebenszufriedenheit hat.

emotionale Ruhe

Kann auch mit emotionaler Stabilität umschrieben werden und fragt nach der Bedeutung stabiler emotionaler Verhältnisse für die Lebenszufriedenheit.

Methodik der Erhebung

Reiss-Profile_thumbWie stark die einzelnen Motive bei einem Menschen ausgeprägt sind, wird mit Hilfe eines 128 Fragen umfassenden Fragebogens ermittelt. Hierzu bewertet der Proband verschiedene Aussagen auf einer Skala von −3 (trifft gar nicht zu) bis +3 (trifft völlig zu).

Die Auswertung ergibt dann das persönliche Reiss-Profil: ein Balkendiagramm, das die unterschiedliche Ausprägung der 16 Lebensmotive zeigt.

Je nach Ausprägung der einzelnen Lebensmotive wird dies dann interpretiert. Eine niedrige Ausprägung beim Lebensmotiv Macht beispielsweise wird als Streben danach, andere zu unterstützen, sich an Menschen zu orientieren und geführt zu werden gedeutet. Im Gegenzug dazu wird eine starke Ausprägung als Hang zum Entscheiden, Einfluss, Erfolg, Leistung, Steuern, Kontrollieren und Gestalten gedeutet.

Jedes Lebensmotiv kann ein Leistungsmotor sein. Die stark ausgeprägten Lebensmotive wollen intensiv gelebt werden und stellen besonders starke Leistungsantriebe dar.

Diese Motive sind die Leitmotive des Lebens, denen genügend Raum und Zeit gegeben werden sollte. Ein Lebensmotiv steht aber nie alleine und sollte auch nie isoliert betrachtet werden – die Kombination der verschiedenen Lebensmotive und ihrer Ausprägung ist entscheidend.

Ein wesentlicher Aspekt ist, dass jede denkbare Motivausprägung wertfrei betrachtet wird. Es gibt also weder schlechte oder falsche noch gute oder richtige Ausprägungen. Auch das Streben nach einem bestimmten Lebensmotiv ist an sich weder richtig noch falsch. Die in den Tests gemachte Unterscheidung zwischen rot gekennzeichneter niedriger Motivausprägung und grün bei starker Motivausprägung ist insofern irreführend, da, zumindest in unserem Kulturkreis rot zumeist als Warnfarbe negativ konnotiert ist wohingegen grün meist für etwas Positives steht (vgl. Verkehrsampel)

Interpretation der Ergebnisse

Über die jeweilige Motivausprägung lassen sich dann Aussagen treffen, welche Aufgaben und welche Arbeits- oder Rahmenbedingungen für eine Person wesentlich und wichtig sind, damit mit langanhaltender Motivation und Leistungsbereitschaft gerechnet werden kann. So kann eine bestimmte Motivausprägung in einem konkreten Kontext oder auch für eine bestimmte Aufgabenstellung unpassend sein, weil sie von der jeweiligen Person ein Verhalten erfordert, das nur mit erhöhter Anstrengung und gegen die eigentlichen Lebensmotive geleistet werden  kann.

Die Auswertung der Tests erfolgt immer im persönlichen Gespräch und ausschließlich durch zertifiziertes Personal, sogenannte Reiss-Profile-Master und soll einen intensiven Selbstreflexionsprozess in Gang setzen. Dadurch sollen die Probanden sich selbst besser kennen lernen und in die Lage versetzt werden, ihr individuelles Leistungspotenzial besser auszuschöpfen.

Bei den Reiss-Profilen werden also viel mehr verschiedene Aspekte der Persönlichkeit berücksichtigt werden, als bei den Big Five. So werden beispielsweise mit den Lebensmotiven Essen und Familie auch in der Businessversion der Reiss-Profile Fragen gestellt und Antworten interpretiert, die, zumindest vordergründig, nichts mit dem Berufsleben zu tun haben (und bei denen es auch fraglich ist, ob ein Proband sie z.B. im Rahmen eines Einstellungstestverfahrens wahrheitsgemäß beantworten würde). Die Reiss-Profile wollen als „Diagnoseinstrument für menschliche Motivation“ verstanden werden und als solches alle Dimensionen der menschlichen Persönlichkeit erfassen. Die vielen verschiedenen Motivationen sind so also ein Vorteil der Reiss-Profile.

Kritik

Gleichzeitig setzt hier aber auch die Kritik an: Die Auswahl der 16 Lebensmotive erscheint doch relativ willkürlich, zumal Steven Reiss selbst auch keine Erklärung dazu liefert, wie er von den anfänglich gut 400 Begriffen auf genau diese 16 als alles erklärende Grundmotive kommt. Ob es sich bei den 16 Lebensmotiven der Reiss-Profile also um die ultimativen menschlichen Motivationen handelt, lässt sich anzweifeln. Wahrscheinlicher ist es, dass es sich hierbei einfach um gut ausgewählte Begriffe handelt, mit denen man sich leicht identifizieren kann.

Ähnlich wie bei einem auf Sternzeichen beruhendem Horoskop, von dem sich fast jeder irgendwie gut beschrieben fühlt und dass ja auch immer irgendwie ein Fünkchen Wahrheit enthält. Die Wissenschaft spricht hierbei vom Barnum-Effekt. Die Menschen neigen einfach dazu, in vage Beschreibungen ihrer Person konkrete Merkmale hineinzuinterpretieren und diese für wahr zu halten. Je positiver die Formulierung ausfällt, umso mehr ist jeder Mensch geneigt, ihr zuzustimmen.

Wenn bei den Reiss-Profilen also Sätze wie „Sicherheit ist eines meiner größten Ziele im Leben“ oder „Ich neige dazu, selbstkritisch zu sein“ auf der Skala von +3 bis -3 mit zutreffend oder nicht zutreffend beurteilt werden sollen, werden die allermeisten Probanden einen Wert im hohen positiven Bereich auswählen. Die Validität darf hier also durchaus angezweifelt werden.

Sind die Reiss-Profile also reine Jahrmarktswahrsagerei?

Nein, denn Persönlichkeitsmerkmale wie das Streben nach Unabhängigkeit und Anerkennung oder emotionale Stabilität sind wohl unbestritten maßgebliche Grundmotive jedes Menschen und tatsächlich wichtige Indikatoren für den beruflichen Erfolg.  Allerdings sind eben auch die Reiss-Profile keine Quadratur des Kreises. Sie tun genau das, was von einem Persönlichkeitsetest erwartet wird: sie liefern solide Persönlichkeitsprofile. Aber eben auch nicht mehr!

Wie ist das bei den nächsten Tests, lesen Sie weiter: Insights Discovery, Management Drives und BIP

Social Selling Webinar

 
Veröffentlicht am 24.07.2014 und zuletzt aktualisiert am 05.09.2016

Hat Ihnen der Artikel gefallen?

Dann abonnieren Sie doch unseren Newsletter und Sie erhalten einmal pro Woche alle aktuellen Artikel bequem in Ihr Postfach.

Ihre E-Mail-Adresse: