Virtuelles Coaching – geht das überhaupt?

Virtuelles CoachingZuerst war ich auch skeptisch.

Viele der Coachingsitzungen, die ich mit Klienten Face-2-Face erlebt habe, waren spannend, teilweise auch mal sehr nachdenklich und auf jeden Fall geprägt von der Aufmerksamkeit füreinander, die man nur haben kann, wenn man in einem Raum gegenüber sitzt.

Dachte ich. Ich habe vor langer Zeit eine ausführliche Coaching-Ausbildung genossen, habe diverse andere Weiterbildungen absolviert und war eine Zeit lang Lehrbeauftragter am Fach Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Regensburg. Und zwar mit dem Thema "Coaching – Theorie und Praxis in der Personalentwicklung".

Überall kam Coaching ausschließlich in der Form vor, dass sich KlientIn und Coach gegenübersitzen und reden. Zu zweit in einem Raum. Als ich dann vor ca. zwei bis drei Jahren zum ersten Mal davon hörte, dass Coaching auch "virtuell", d.h. auf Entfernung durchgeführt wird, war ich – wie gesagt – skeptisch.

Auch Telefoncoaching ist virtuell

Dabei hatte ich gar nicht bedacht, dass ich ja auch immer wieder mal mit Klienten telefonische Coachingsitzungen durchführe, die durchaus sinnvoll sind. Sinnvoll heißt hier, dass sie für den Klienten nützlich sind, ohne dass einer der beiden auch nur den kleinsten Reise-Aufwand hätte. Und die gute alte Variante des Telefonierens ist ja auf jeden Fall auch bereits eine "virtuelle" Kommunikation. Ich kannte diese Form allerdings nur als Spielart von Coachingsitzungen mit Klienten, mit denen ich schon eine Zeit lang gearbeitet hatte. Und ich konnte mir nicht vorstellen, dass das auch mit Leuten geht, die man noch nie gesehen hat, die man womöglich überhaupt nie sieht.

Dann bin ich vor zwei bis drei Jahren über ein Angebot von Prof. Harald Geißler von der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg gestolpert. Er hat sich bereits seit langer Zeit in der Coachingszene einen Namen gemacht und zwar vor allem als jemand, der die Wirksamkeit von Coaching ausführlich und wissenschaftlich überprüft hat (www.coaching-gutachten.de). Er hat eine Methode entwickelt, die er als einer der ersten als "virtuelles Coaching" bezeichnet hat.

Synchron, schriftlich und mündlich

Diese Methode ist eine Mischung aus telefonischem Kontakt und dem gleichzeitigen Bearbeiten von Fragen, welche in einem Onlinetool festgelegt sind. Während der Sitzung schauen Klient und Coach gleichzeitig in diesem Onlinetool auf die jeweiligen Fragen und reden darüber am Telefon. Die Kommunikation verläuft also synchron, beide sind gleichzeitig "anwesend", sie haben einen gemeinsamen Termin vereinbart.

Die Fragen in dem Tool sind von Prof. Geißler vorstrukturiert und sie bauen systematisch aufeinander auf. Es gibt Module, die für die Erreichung von Zielen designt sind, für Führungsthemen, aber auch für den Transfer von Erkenntnissen, die der Klient in einer Live-Weiterbildung gewonnen hat.

Transfer-Coaching

Mit diesem "Transfer-Coaching" ging es bei Prof. Geißler eigentlich los. Ausgehend von der Erfahrung, dass in den klassischen Weiterbildungsformen, also Seminaren und Workshops, immer wieder die Transferfrage ein großes Problem darstellt, hat er sich eine Methode überlegt, um den Transfer zu verbessern. Also die Übertragung von Gelerntem ins wirkliche Leben des Klienten. H. Geißler konnte nachweisen, dass ein Seminar, das hinterher von einem virtuellen Transfer-Coaching "verlängert" wird, wesentlich wirkungsvoller und damit auch rentabler ist.

Schriftlich Nachdenken

Beim virtuellen Coaching von Prof. Geißler schreibt der Klient seine Antworten, welche er im Gespräch mit dem Coach gefunden hat, dann sofort in dem Onlinetool auf. Er formuliert also "geschriebene" Sätze, er verarbeitet seine Gedanken nicht nur im direkten Gespräch. Diese Sätze sind für ihn auch hinterher noch zu lesen und zu überdenken, es gibt also Möglichkeiten des Nach-Denkens…

Dass wir beim Schreiben scheinbar einen etwas anderen Modus der Verarbeitung einschalten, ist bekannt. Inzwischen gibt es einige Coachingtools, die damit sehr intensiv und strukturiert umgehen. Zum Beispiel das Portal www.journalenginge.com.

Wir haben in der Zwischenzeit für unsere Arbeit selber ein virtuelles Coaching Tool entwickelt, mit dem wir sehr gute Erfahrungen machen. Dabei haben wir uns für eine Mischung aus "Live-Sitzungen" und der schriftlichen Verarbeitung entschieden. Die Live-Sitzungen führen wir mit GoToMeeting durch, eine ähnliche Software wie Skype. Die schriftliche Verarbeitung erfolgt dann asynchron, das heißt Klient und Coach können sich die Zeit und den Ort ihrer Bearbeitung selber aussuchen.

Diese Form spart Zeit und lässt sich problemlos in den jeweiligen Alltag integrieren. Am Ende erhält der Klient eine pdf-Datei mit den gesammelten "Dialogen", so dass er auch später noch mal nachlesen kann, worüber er sich im Austausch mit seinem Coach Gedanken gemacht hat, welche Vorsätze er gefasst hat etc.
Die schriftliche Verarbeitung kann man sich am besten so vorstellen, als ob die beiden Beteiligten sich immer wieder E-Mails schreiben würden. Nur eben nicht per Mail, sondern in dem (geschützten) Raum des Coachingtools, an einer Stelle also.

Ich bin also nicht mehr skeptisch, obwohl ich natürlich nach wie vor Klienten und Auftragssituationen kenne, bei denen zumindest zeitweise die Live-Situation besser ist. Die virtuellen Formen bieten allerdings so viele Vorteile, dass ich sehr froh bin über diese neuen Möglichkeiten und zugegebenermaßen auch über die Kostenvorteile für beide Seiten. Damit wird Coaching auch für ein Klientel erschwinglich, das bislang für Coaching noch nicht unbedingt in Frage gekommen ist.

Zeitmanagement für Mediaberater

Veröffentlicht am 10.02.2014 und zuletzt aktualisiert am 12.07.2016